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Archiv für April 2011

Tag der Befreiung Neuköllns

Aufruf zur Streetparade

Am 24. April 1945 erreichten sowjetische Truppen den südöstlichen Rand von Berlin und brachen schließlich nach viertägigen Kämpfen am 28. April 1945 die Gegenwehr von Waffen-SS und Volkssturm. Bereits am folgenden Tag setzte Ortskommandant Oberst Raizow eine 20 köpfige Gruppe von Neuköllner Widerstandskämpfer*innen als neue Verwaltung vor Ort ein. Die Kämpfe im Stadtkern Berlins dauerten noch bis zum 2. Mai 1945 fort und am 8./9. Mai 1945 beendete die bedingungslose Kapitulation der deutschen Truppen schließlich den Krieg auf europäischem Boden.

Der deutsche Wahn

Nicht nur in Neukölln, sondern in ganz Europa richtete der deutsche Wahn unvorstellbares Leid und maßlose Zerstörung an. Alle Menschen, für die in der so genannten deutschen Volksgemeinschaft kein Platz war, wurden zunächst Opfer von politischer Verfolgung, die schließlich ihren barbarischsten Höhepunkt in einer industriell perfektionierten Vernichtungsmaschinerie, dem Zivilisationsbruch Auschwitz, fand. Zu ihnen zählten vor allem Jüdinnen und Juden, Roma, Sinti und Jenische, Osteuropäer*innen, Menschen mit so genannten Behinderungen, als homosexuell oder „asozial“ verfolgte Menschen, Kommunist*innen und andere politische Gegner*innen. Verantwortlich für all dies zeichnete aber nicht etwa nur eine kleine Elite sadistischer Machthaber, sondern Soldaten an der Front, AufseherInnen in Konzentrationslagern und ganz normale Deutsche, die durch aktives Wegschauen oder ihre Mitarbeit in Schulen, Ämtern, Behörden und anderen Einrichtungen, die den nationalsozialistischen Terror zementierten, ihren Teil zu den deutschen Verbrechen beitrugen und diese erst ermöglichten. Es war also das Wüten der gesamten deutschen „Volksgemeinschaft“, das die militärische Intervention der alliierten Truppen erforderte.

Aufarbeitungsweltmeister der Herzen

Waren die gesellschaftlichen Debatten in der Zeit nach dem Nationalsozialismus zunächst durch Relativierungen oder gar völligen Leugnungen der Vergangenheit bestimmt, so wird sich spätestens seit der rot-grünen Koalition 1998 mit den deutschen Verbrechen beschäftigt. Statt einer umfassenden Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld und einer tiefgehenden Analyse der Verhältnisse, welche die Shoah erst möglich machten, reduziert sich die eigene Vergangenheitsbewältigung auf die „Histotainment“-Formate eines Guido Knopp und die stetigen öffentlichen Beteuerungen, die historische Schuld der Nazis an Weltkrieg und Shoah anzuerkennen. Diese Selbstinszenierung Deutschlands als geläuterte Nation schafft es aus Auschwitz ein pädagogisch sinnvolles Lehrstück zu machen, das es dank vollendeter Aufarbeitung ermöglicht, endlich wieder souveräner Staat unter vielen zu sein und auf internationalem Parkett mitmischen zu dürfen. So wurde es möglich, dass – wie zum Beispiel 1999 im Kosovo – nicht trotz, sondern wegen Auschwitz erneut Krieg von deutschem Boden ausgeht. Erste verbale Eingriffe der deutschen Öffentlichkeit in die Souveränität Israels, dem Staat, der als Schutzraum für alle von Antisemitismus verfolgten Menschen dienen soll und nicht zuletzt Konsequenz aus Auschwitz ist, ließen ebenfalls nicht lange auf sich warten und sind mittlerweile zur gängigen Praxis geworden.

Jeden Tag ein bisschen Deutschland

Zwar ist es wichtig zu erkennen, dass die deutsche Ideologie in ihrer heutigen Ausformung nicht identisch mit der nationalsozialistischen Weltauffassung ist, aber dennoch gibt es diverse Überschneidungen von elementarer Bedeutung. Wie nicht nur die wöchentlichen Schändungen jüdischer Friedhöfe belegen, ist die auffälligste Kontinuität dabei zweifelsfrei antisemitischer Natur. So geht aus einer aktuellen Studie der Universität Bielefeld hervor, dass 38 Prozent aller Befragten der folgenden Aussage zustimmten: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“. Weiterhin benutzten 57 Prozent Weltkriegsvokabular, das eine Gleichstellung von Nazis und Jüdinnen und Juden suggeriert, wenn sie sagen: „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“. Des weiteren wird noch immer traditionsbewusst zwischen Herkunftsdeutschen und all denen unterschieden, die im herrschenden Diskurs als Menschen mit Migrationshintergrund gelten. Täglich manifestiert sich dies beispielsweise in kulturalistischen Mainstreamdiskursen, rassistischen Übergriffen oder so genannten „national befreiten Zonen“, bei deren HüterInnen alte Vorstellungen von Blut und Boden ideologisch fest verankert sind. Die rassistischen Pogrome Anfang der 1990er Jahre in Rostock-Lichtenhagen, Solingen und Mölln dürfen als Warnung verstanden werden, wozu in Krisenzeiten ganz normale Deutsche fähig sind. Dass rassistische Stimmungsmache auch in Neukölln institutionalisiert präsent ist, zeigt sich unter anderem am Beispiel des Quartiersmanagements Schillerpromenade, das mit seinem Strategiepapier „Task Force Okerstraße“ nicht nur als Roma gelabelte Menschen aus den Wohnungen im Schillerkiez vertreiben will, sondern auch vermeintlich russlanddeutsche Trinker*innen und sogenannte Jugendbanden aus dem öffentlichen Bild entfernen möchte, um so eine Wohnatmosphäre zu schaffen, die für zahlreiche Menschen keinen Raum bietet.

Trotz alledem: Spasibo!

Am 28. April danken wir den Streitkräften der Anti-Hitler-Koalition, den Partisan*innen und allen anderen Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens aktiv gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben. Wir feiern die Befreiung Neuköllns durch die sowjetischen Truppen, aber werden auch weiterhin keinen Frieden mit der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft Deutschlands schließen!


Wer nicht tanzt hat verloren!
Deutschland? Nie wieder!

>>> Antifaschistische Streetparade
28. April 2011 · 18 Uhr · Rathaus Neukölln (Berlin)

Organisiert von: Autonome Neuköllner Antifa & Naturfreundejugend Berlin
>>> Mobiblog