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Archiv für Dezember 2011

Bericht und Mitschnitt des Vortrags von Olaf Kistenmacher zur Kritik des Antiimperialismus

Am 06. Dezember fand im Berliner Karl-Liebknecht-Haus eine Einführung in die Kritik des Antiimperialismus durch den Historiker Olaf Kistenmacher statt. Anfangs stellte er die Ausarbeitung Rosa Luxemburgs vor, die Imperialismus als Folgeerscheinung des Kapitalismus betrachtete, da dieser für seine Fortexistenz nicht nur ständig nach weiteren Absatzmärkten strebe, sondern auch die kapitalistische Vergesellschaftung in alle Teile der Welt trage. Für Luxemburg hatte die soziale Befreiung aus dem Kapitalverhältnis grundsätzlich unabhängig von einer Nation zu geschehen. Problematischerweise änderte sich diese Auffassung jedoch im Verlaufe der Geschichte linker Bewegungen und Parteien bald.

Hierbei ist festzuhalten: Obwohl Imperialismus dem Kapitalismus immanent ist, ist der Rückschluss falsch, Antiimperialismus sei zugleich auch Antikapitalismus. An dieser Stelle wird nämlich verkannt, dass sich zwei imperialistische Mächte bekämpfen können ohne dabei antikapitalistisch zu sein oder dass imperialistischer Expansionsdrang nicht nur kapitalistisch, sondern auch ideologisch motiviert sein kann, wie das Beispiel des nationalsozialistischen Deutschlands deutlich macht.

Seit den 1920er Jahren wurde kapitalistische Vergesellschaftung und Imperialismus innerhalb der Linken zunehmend moralisierend gewertet. So wurde der Finanzkapitalismus nicht als ein Teil kapitalistischer Verwertung verstanden, sondern als zentrale Ursache sozialer Verelendung. Dies verkennt jedoch, dass auch ohne ausgeprägten Finanzkapitalismus erstes Primat jeder unternehmerischen Tätigkeit die Profitmaximierung ist. Es gibt demzufolge kein „gutes Unternehmertum“, sondern immer nur profitmaximierendes Wirtschaften.

Diese Moralisierung war nicht nur eine Abkehr von der ursprünglichen Kritik am Kapitalismus, wie sie noch Marx und Luxemburg formulierten. Darüber hinaus entwickelte die Linke in zunehmendem Maße die Vorstellung, für kapitalistische Ausbeutung könne eine gewisse Menschengruppe mit einer bestimmten geographischen Herkunft verantwortlich gemacht werden, anstatt die abstrakt-unpersönliche und globalisierte Wirkungsweise des Kapitalismus unabhängig von einer bestimmten Nation zu verstehen. So waren für die Weimarer KPD Großbritannien und die USA Zentren des „parasitären Kapitalismus“, von dem sich dieser „imperialistisch“ ausbreitete.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt ersetzte die Linke die soziale durch die nationale Befreiung, obwohl Luxemburg zuvor deutlich gemacht hatte, dass die Befreiung von Fremdherrschaft durch eine andere Nation rein gar nichts mit der Befreiung von kapitalistischer Vergesellschaftung zu tun habe. Stattdessen wurde der Nationalismus der unterdrückten Völker affirmiert und dabei die antagonistischen Klassenverhältnisse innerhalb der Staaten der sogenannten Dritten Welt und der Kolonien ignoriert. Außerdem verkennt die Bejahung eines Befreiungsnationalismus die Tatsache, dass nationale Befreiungsbewegungen gegen imperialistische Zentren stets maßgeblich von der herrschenden Klasse in den jeweiligen Kolonien geprägt, also auch hier nicht frei von kapitalistischen Motiven waren.

Abschließend verdeutlichte Kistenmacher am Beispiel der Position der KPD der Weimarer Republik zur Palästinafrage, dass darüber hinaus kapitalistische Klassengegensätze fälschlicherweise zunehmend ethnifiziert wurden. So verstand die KPD die Araber im britischen Mandatsgebiet Palästina als die Unterdrückten und die Juden als die Unterdrücker – ohne auf die innerhalb der beiden Gruppen existierenden Klassengegensätze Rücksicht zu nehmen. Darüber hinaus wurde die aus antiimperialistischen Motiven hergeleitete Ablehnung des Zionismus antisemitisch untermauert: So sah die KPD ihre Schwesterpartei in Palästina von Zionisten unterwandert, obwohl die jüdischen Mitglieder der palästinensischen KP keinesfalls die Gründung eines jüdischen Staates forderten. Eine solche Erkenntnis hätte jedoch dem ideologischen Weltbild entgegen gestanden, in dem die Araber Palästinas das revolutionäre Subjekt sein sollten.

Diese Punkte, so Kistenmacher, verdeutlichen die Schwäche des Antiimperialismus: Sein Problem ist nicht, dass er eine berechtigte Kritik am Imperialismus übt, sondern dass sein Konzept suggeriert, dass Imperialismus an einem Punkt habhaft gemacht werden und an einem Ort bekämpft werden könne. Dies wird vor allem dann sichtbar, wenn sich der Antiimperialismus ausschließlich auf die Feindbilder USA oder den Zionismus konzentriert ohne der Komplexität kapitalistischer Vergesellschaftung tatsächlich gerecht zu werden.

[Download: Einführung in die Kritik des Antiimperialismus]

[Weitere Vorträge vom BAK Shalom]

Filmvorführung “Warum Israel” von Claude Lanzmann

“Am 6.Oktober 1973 feierte Claude Lanzmanns erster Film »Pourquoi Israël« – »Warum Israel« – in New York Premiere. Am selben Tag begann der Jom-Kippur-Krieg. Ein seltsamer Zufall, der die weitere Re­zeptionsgeschichte des Films beeinflussen sollte. Der offizielle Starttermin in Frankreich am sechsten Tag des Kriegs war von diesem überschattet, und viele Rezensionen verpassten dem Filmtitel nachträglich ein Fragezeichen, was Lanzmann bis heute immer wieder zu Stellungnahmen nötigt. »Dieses Fragezeichen habe ich oft gesehen, und jedes Mal war es wie eine Wun­de, eine Beleidigung«, sagte er 2006 bei einem Podiumsgespräch über den Film.” Quelle: http://jungle-world.com/artikel/2008/19/21752.html

Interview mit Claude Lanzmann: “Spielt nie mehr die Herren”
http://www.freitag.de/kultur/0950-lanzmann-interview

Freitag, 9. Dezember, ab 18:30 Uhr
Bürgerbüro Halina Wawzyniak, Mehringplatz 7, 10969 Berlin

Olaf Kistenmacher: Einführung in die Kritik des Antiimperialismus

Antiimperialismus

Der Imperialismus wurde erst im frühen 20. Jahrhundert mit den Schriften Wladimir I. Lenins und Rosa Luxemburgs zum zentralen Thema marxistischer Theorie, auch wenn die Analysen bereits in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie angelegt waren. Dabei unterscheiden sich Lenin und Luxemburg wesentlich: Luxemburg analysierte von ihrem antinationalen Standpunkt aus in Die Akkumulation des Kapitals 1913 den Imperialismus als strukturelles Phänomen der weltweiten Kapitalisierung. Lenin hingegen schuf in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus 1916 die Grundlage, um fortan den Nationen ein „Finanzkapital“ gegenüberzustellen, das die Welt beherrsche. So standen sich global scheinbar zwei Klassen gegenüber: die „unterdrückten Nationen“ auf der einen Seite und dem „Parasitismus, der dem Imperialismus eigen ist“, auf der anderen. Seit Mitte der 1920er Jahre war es üblich, den berühmten Aufruf aus dem Kommunistischen Manifest um ein weiteres revolutionäres Subjekt zu erweitern: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!“

Der Vortrag beleuchtet diese Traditionslinien des linken Antiimperialismus und zeigt, inwiefern der positive Bezug auf die Nationen bis in die Gegenwart ein Problem darstellt. Am Beispiel des Begriffs „Finanzkapital“ wird die Anfälligkeit zu verschwörungstheoretischen Denkweisen deutlich, die ein wesentlicher Grund sind, warum Antiamerikanismus und Antisemitismus innerhalb der Linken nicht verschwinden werden.

Olaf Kistenmacher, Historiker aus Hamburg, Mitglied des Villigster Forschungsforums zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e. V., veröffentlicht in Jungle World, Konkret und Phase 2.

Neuere Veröffentlichungen
• Klassenkämpfer wider Willen. Die KPD und der Antisemitismus in der Weimarer Republik, Jungle World 28, 14. Juli 2011.
• „Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda“. Antifaschismus und antisemitische Stereotype in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Roten Fahne, am Ende der Weimarer Republik, 1928-1933, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hg.): Politik des Hasses. Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, Hildesheim/New York/Zürich: Georg Olms 2010, S. 97-112.

06. Dezember 2011, 18 Uhr
Berlin, Karl-Liebknecht-Haus, Kleine Alexanderstraße 28, U-Bahn-Station Rosa-Luxemburg-Platz

Die Veranstaltung wird vom LAK Shalom Berlin organisiert und findet im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus statt. Bitte ladet Freunde über Facebook ein!

Die Auseinandersetzung um Antisemitismus in der Linkspartei steht noch aus!

Bericht und Mitschnitt der Podiumsdiskussion über Antisemitismus in der Linkspartei

DIE LINKE hat ein Problem mit Antisemitinnen und Antisemiten, diese sind innerhalb der Partei jedoch nicht hegemonial. So lautet das Fazit der Podiumsdiskussion mit Klaus Lederer (Vorsitzender DIE LINKE Berlin, MdA), Katharina König (MdL, Sprecherin für Antifaschismus der Linksfraktion in Thüringen) und Mario Keßler (Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) vom 25.11.2011 im Rosa-Luxemburg-Saal des Karl-Liebknecht-Hauses in Berlin, moderiert von Lena Kreck und Stefan Gerbing (beide Redaktion prager frühling). Rund 80 Zuhörende kamen zur Veranstaltung.

Eingeladen zur Diskussion hatte der LAK Shalom Berlin, um die Situation innerhalb der Linkspartei hinsichtlich der latent vorhandenen Israelfeindschaft nach der im Frühjahr erschienenen Studie von Samuel Salzborn und Sebastian Voigt und dem Programmparteitag im Herbst zu debattieren. Die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer waren sich darin einig, dass antisemitisch motivierte Israelfeindschaft dem eigenen Anspruch der Partei zuwider laufe. Stattdessen müsse DIE LINKE ihre Fähigkeiten zum Differenzieren stärken, um die antizionistischen Traditionslinien aus der ehemaligen DDR-Doktrin einerseits und dem westdeutschen APO-Antiimperialismus andererseits aufzuarbeiten. Gestritten wurde darüber, wie die Sensibilität für diese Aufarbeitung gestärkt und wie effektiv Antisemitismus als solcher kenntlich gemacht werden könne.

Das vergangene halbe Jahr, so die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer, habe verdeutlicht, dass in zunehmendem Maß Bereitschaft hierfür bestehe. Nichtsdestotrotz betonte Klaus Lederer, dass allein mit Parteibeschlüssen dem Problem des Antisemitismus nicht begegnet werden könne. Die Debatte müsse offensiv weitergeführt werden, um die gesamte Partei auf das Problem aufmerksam zu machen. Katharina König unterstich, dass als Ultima Ratio auch Parteiausschlüsse notwendig seien, um sich eindeutig von regressiven Kräften zu trennen. Mario Keßler unterstich die besondere Bedeutung Israels. So sei der Antizionismus höchst ahistorisch, weil er den Vernichtungsantisemitismus ignoriere, um an der Ablehnung des jüdischen Staates festzuhalten. Dies dürfe eine moderne und geschichtsbewusste Partei nicht zulassen.

[Download: DIE LINKE ein halbes Jahr nach der Antisemitismusdebatte – Ist das Glas halb leer oder halb voll?]
[Weitere Vorträge vom BAK Shalom]