Save Israel
LAK Shalom Berlin

Archiv Seite 2

Befreite Gesellschaft & Israel – Über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Zionismus – Vortrag und Diskussion mit Stephan Grigat

Vortrag von Stephan Grigat

Während die Studierenden Ende der 1960er-Jahre in den Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus nach einem kurzen Erschrecken über ihre Eltern meinten, es sei eine prima Idee, dem „Volke zu dienen“ und einige sich gleich von den palästinensischen Fedajin ausbilden ließen, ahnten die nach Frankfurt zurückgekehrten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer schon früh, wohin dieser deutsche Aufbruch führen würde und setzten dagegen die Solidarität mit den prospektiven Opfern. Diese Solidarität führte zwar nicht dazu, die Bedeutung des Zionismus in vollem Ausmaß zu erfassen, aber sie implizierte ganz selbstverständlich die Solidarität mit Israel als Zufluchtsstätte für alle vom Antisemitismus Bedrohten.

Der Zionismus ist die unmittelbare Antwort sowohl auf den europäischen als auch auf den arabischen und islamischen Antisemitismus. Wie ist das zwangsläufig im Zionismus existierende Spannungsverhältnis zwischen Universalismus und aufgezwungenem Partikularismus zu fassen? In welchem Verhältnis stehen zionistische Emanzipation und eine kritische Theorie der Gesellschaft? Was meint der von Adorno formulierte kategorische Imperativ, alles Handeln und Denken im Stande der Unfreiheit so einzurichten, dass Auschwitz oder Ähnliches sich nicht wiederhole, angesichts der Bedrohung durch das iranische Regime, sunnitische Islamisten und ihre europäischen Förderer? Und warum versetzen allein schon diese Fragestellungen und die Bezugnahme auf die Kritische Theorie deutsche Liberale dermaßen in Rage, dass sie all ihre Propagandakünste aufbieten, um gegen die „Wirren der Dialektik“ und „falsche Freunde Israels“ zu wettern?

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien, hat an der FU Berlin promoviert und war Forschungsstipendiat in Tel Aviv. Er ist Herausgeber von „Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert“ und „Feindaufklärung & Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus & Islamismus“, Autor von „Fetisch & Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital & die Kritik des Antisemitismus“ und Mitherausgeber von „Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur & ihrer europäischen Förderer“ sowie „Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes & Perspektiven der Freiheitsbewegung“.

Wo?
Schankwirtschaft Laidak (Boddinstr. 42/43 • 12053 Neukölln, Berlin)

Wann?
1. Juli 2013, 19 Uhr

Dies ist eine Veranstaltung des Antifaschistischen Berliner Bündnis gegen den Al Quds-Tag. Die Veranstaltung ist Teil der Mobilisierung gegen den diesjährigen „Al Quds“-Tag am 03. August in Berlin.

Das Event auf Facebook gibt es hier.

„Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt“? Zur Kritik des marxistisch-leninistischen Antiimperialismus – Vortrag und Diskussion mit Olaf Kistenmacher

Das Jahr 2013 begann vielversprechend: Zum ersten Mal lösten sich emanzipatorische Linke von der traditionellen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration, deren ideologischer Dreh- und Angelpunkt die Huldigung nationaler „Befreiungsbewegungen“ gegen den „westlichen Imperialismus“ ist. Mit der Nation gegen das Kapital – ausgestattet mit einem derartigen Politikverständnis ist es wenig überraschend, dass regelmäßig der Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus geschändet wurde und es zu physischen Angriffen auf andere Demonstrationsteilnehmenden kam, die nicht in das Weltbild der noch immer überwiegend marxistisch-leninistischen Pilgernden passten.

Notwendiger- und richtigerweise musste die alternative Rosa & Karl-Demonstration das „gesamtlinke“ Porzellan der traditionellen LL-Demo zerschlagen, denn eine emanzipatorische Neuausrichtung der Linken ist ganz und gar zum Scheitern verurteilt, wenn sie die Nation als Bollwerk gegen die allgegenwärtige Ausbeutung nutzen will. Nun – drei Monate nach dem Spektakel – ist es an der Zeit, aus den Porzellanscherben in diffiziler Kleinstarbeit das emanzipatorische Potential von Luxemburgs Gesellschaftskritik herauszuarbeiten. Dies schließt ausdrücklich eine Kritik an traditionellen antiimperialistischen Positionen mit ein.

Hierzu wird der Vortrag von Olaf Kistenmacher die Anfänge des Antiimperialismus in den 1920er Jahren beleuchten. Zu dieser Zeit war es innerhalb der Kommunistischen Internationale üblich, den berühmten Aufruf von Friedrich Engels und Karl Marx folgendermaßen zu erweitern: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!“ Außer für die soziale Befreiung sollten Kommunistinnen und Kommunisten für die „nationale Befreiung“ kämpfen. Das war in der marxistischen Linken nicht immer so. Rosa Luxemburg, die 1913 in ihrem Hauptwerk Die Akkumulation des Kapitals den Imperialismus aus marxistischer Sicht analysierte, warnte 1918, dass das „famose ‚Selbstbestimmungsrecht der Nationen‘“, auf das sich auch die Bolschewiki in Russland beriefen, „nichts als hohle kleinbürgerliche Phraseologie und Humbug“ sei. Doch die Komintern knüpfte an Wladimir I. Lenins Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus an, in dem er den unterdrückten Menschen und Völkern ein mächtiges „Finanzkapital“ gegenüberstellte. 1927 bildete sich in Europa eine „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“. Schon im gleichen Jahr scheiterte in China der Versuch, die nationale Befreiungsbewegung und die KP China im Kampf gegen den britischen Imperialismus zu vereinen. Zwei Jahre später geriet die antiimperialistische Politik im Nahen Osten in ein Dilemma …

Olaf Kistenmacher, Historiker und Mitglied des Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus, veröffentlicht in Konkret und Jungle World.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen:
Schuldabwehr als Motiv für Israel-Feindschaft in der politischen Linken?, in: Associazione delle talpe/Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen (Hg.): Maulwurfsarbeit II. Aufklärung und Debatte, Kritik und Subversion, Berlin 2012, S. 51-60.
„Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda“. Antifaschismus und antisemitische Stereotype in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Roten Fahne, am Ende der Weimarer Republik, 1928-1933, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hg.): Politik des Hasses. Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, Hildesheim/New York/Zürich 2010, S. 97-112.

Die Veranstaltung wird vom Landesarbeitskreis (LAK) Shalom Berlin organisiert und findet am 14. März um 19 Uhr in der Schankwirtschaft Laidak (Boddinstr. 42/43 • 12053 Neukölln, Berlin) statt.

Redebeitrag des LAK Shalom Berlin zu den Protesten gegen den Al Quds-Marsch: Kein freies Syrien ohne Kritik des Antisemitismus

Wozu jedes Jahr einen neuen Demoaufruf, wenn sich doch die Welt seit August vergangenen Jahres nicht verändert hat? Noch immer marschieren Islamisten, noch immer gibt es den Al Quds-Tag, das iranische Regime, das Atomwaffenprogramm. Und Israel darf noch immer nicht in Frieden existieren.

Umso erfreulicher ist es, wenn ein Aufruf eine neue Forderung aufstellt, dessen Anlass in den Jahren davor gar nicht denkbar war: „Solidarität mit den emanzipatorischen Kämpfen vor Ort!“, heißt es in Bezugnahme auf die Aufstände in den arabischen Ländern – und „Nieder mit dem Regime in Syrien!“, steht im diesjährigen Aufruf gegen den Al Quds-Tag geschrieben. Reflexartig löste das bei einigen Unverständnis aus: Die Aufstände in den arabischen Ländern brächten nur Islamisten an die Macht, Israel würde gefährdet und Antisemitismus keinesfalls zurückgedrängt werden. Also warum nicht das Beste aus dem Status Quo machen – doch lieber Assad statt Al Qaida? Dieses Unverständnis für die Solidarität existiert zu Unrecht, wie wir mit unserem Redebeitrag klar machen wollen.

Die Auseinandersetzung um Antisemitismus steht im Zentrum des LAK Shalom Berlin. Antisemitismus kann jedoch nicht von den gesamtgesellschaftlichen Zuständen abgekoppelt werden, sondern ist immer Teil eben dieser. Die Kritik des Antisemitismus ist ohne Kritik der Gesellschaft nicht möglich – und andersherum: Die Kritik der Gesellschaft ist ohne Kritik des Antisemitismus nicht möglich. Das zu bedenken gilt es auch im Falle Syriens.

Hierbei müssen wir jedoch eingestehen: Eine umfassende Analyse der syrischen Gesellschaft ist für uns momentan nicht möglich: Einerseits war Syrien bisher in unserer Arbeit eher nebensächlich ein Thema, andererseits ist die dortige Situation zurzeit äußerst unübersichtlich.

Wir wünschen uns daher in der Auseinandersetzung mehr Bescheidenheit und ein Ende reflexartiger Analysen. In Syrien und in den arabischen Ländern wird nicht für die befreite Gesellschaft gekämpft. Klar ist auch, dass sich nicht mal alle syrischen Oppositionellen für politische Mindeststandards begeistern können, wie das Recht auf Leben oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wer also konkret Akteure sind, mit denen sich zu solidarisieren wäre, ist schwierig und eher abstrakt zu beantworten. Sie können nicht mal beim Namen genannt werden.

Es wären aber jedenfalls die Menschen in Syrien, die mit dem Ende des Regimes auch eine Gesellschaft ohne Antisemitismus einfordern und diesen kritisieren – unabhängig davon, ob er von säkular-nationalen oder von djihadistischen Oppositionellen artikuliert wird.

Es wären diejenigen Menschen, die sich für ein wirklich freies Syrien einsetzen, das nicht auf Kosten anderer konstituiert wird: Kein freies Syrien ohne Beteiligung syrischen Frauen, kein freies Syrien ohne Beteiligung syrischer Homosexueller, kein freies Syrien ohne Beteiligung syrischer Jüdinnen und Juden, kein freies Syrien auf Kosten eines Krieges mit Israel. Mit den Menschen, die mit dem Sturz Assads ein solches Syrien verbinden, gilt unsere Solidarität!

Hintergründe und Berichte über die Proteste vom 18. August in Berlin gibt es unter keinalqudstag.tk.

Antiamerikanismus – Zur Geschichte eines europäischen Ressentiments und dem ambivalenten Verhältnis der Linken zu den Vereinigten Staaten von Amerika

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind bis heute eine terra incognita im europäischen Bewusstsein. Der Hass auf die moderne Gesellschaft mit all ihren positiven wie negativen Begleiterscheinungen ist meist mit einem starken Antiamerikanismus verbunden. Historisch war Amerika jedoch oftmals der einzige Fluchpunkt für politisch Verfolgte in Europa. Für Millionen Einwanderer, die vor einer desperaten sozialen Situation flohen, bot es die Möglichkeit eines Neuanfangs. Nicht zuletzt aufgrund der bis heute anhaltenden Immigration haben sich spezifische politische Strukturen herausgebildet, die Amerika als Nationalstaat von den europäischen unterscheidet. Hierzu gehört zum Beispiel ein inklusives Verständnis der Staatsbürgerschaft, das immer wieder neu aushandeln muss, was es bedeutet „Amerikaner zu sein“. Amerika hat sich zur bürgerlichen Gesellschaft par excellence entwickelt.

Mit dem Wissen um diese Besonderheit soll im Vortrag die Geschichte und ideologische Konstitution der Feindschaft gegen Amerika nachgezeichnet und hierbei der Schwerpunkt auf die Haltung der Linken gelegt werden. Diese war historisch keineswegs so eindeutig, wie es heutzutage scheint: So vertraten viele deutsche Revolutionäre im 19. Jahrhundert eine dezidiert pro-amerikanische Haltung und einige forderten gar den Einmarsch amerikanischer Truppen in Europa, um die feudalen Verhältnisse ein für allemal auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern.

Darüber hinaus soll am Beispiel der jüdischen Einwanderung die Debatte zwischen den beiden Polen Melting Pot (Israel Zangwill) und Cultural Pluralism (Horace Kallen) dargelegt werden, die für die aktuellen Diskussionen in Europa über Migration, Integration und Assimilation hohen Erkenntniswert besitzt.

Der Referent Sebastian Voigt promoviert an der Universität Leipzig. Er hat vielfältig zu Themen wie Antisemitismus und Antizionismus sowie der Geschichte der französischen Linken publiziert. Außerdem ist er Verfasser des Buches „Die Dialektik von Einheit und Differenz. Über Ursprung und Geltung des Pluralismusprinzips in den Vereinigten Staaten von Amerika.“, Berlin 2007.

10. August | 19 Uhr | Rosa-Luxemburg-Saal im Karl-Liebknecht-Haus | U-Bahnstation Rosa-Luxemburg-Platz | Berlin

Eine Veranstaltung des Bundesarbeitskreis (BAK) Shalom der Linksjugend Solid. Die Veranstaltung ist Teil der Mobilisierung gegen den diesjährigen „Al Quds“-Tages am 18. August in Berlin. Weitere Info- und Mobiveranstaltungen findet ihr hier.

Kein Al Quds-Tag! Gemeinsam gegen Antisemitismus!

Kein Al Quds Tag 2012 in Berlin!

Warum djihadistisch nicht das neue schwul sein sollte – Bericht und Mitschnitt vom Vortrag mit Floris Biskamp

Am 13. Juli referierte Floris Biskamp in Berlin zur Frage ‚Ist djihadistisch das neue schwul?‘ und setzte sich mit den Aporien des Konzeptes vom sogenannten Homonationalismus auseinander, das vor allem Judith Butler und Jaspir Puar vertreten. Mit dem Begriff solle ausgedrückt werden, dass die zunehmende Anerkennung von Homosexualität in westlichen Ländern zu neuen Ausgrenzungsmechanismen geführt habe – beispielsweise gegen queere People of Colour.

Zwar sei diese These durchaus eine Überlegung wert, wie Biskamp festhält, doch würden einige queere Theoretiker*innen daraus die falschen Schlüsse ziehen. So plädiere Puar sogar dafür, Selbstmordattentäter*innen durch eine queere Lesart zu Bündispartner*innen gegen das noch immer vorhandene Ausschließen „des Anderen“ zu gewinnen, da diese nach den Terroranschlägen von 9/11 die vormals von Homosexuellen eingenommene Rolle des als pervers empfundenen Anderen übernommen hätten. Daraus ableitend stigmatisiere Puar jede Kritik an gesellschaftlichen Zuständen in islamisch geprägten Ländern als islamfeindlich, so Biskamp. Dieser Pauschalisierung stehe eine andere gegenüber: So gäbe es in Israel nur deshalb eine vergleichsweise homosexuellenfreundliche Politik, weil dadurch lediglich die Besatzung von Palästinenser*innen verschleiert würde – Israel also sogenanntes „Pinkwashing“ betreibe.

Die Wahrnehmung von Queers of Colour, rassistisch behandelt zu werden, gelte als Beleg für Rassismus. Die Wahrnehmung von Israelis hingegen, sich bedroht zu fühlen, gelte jedoch nicht als legitim – vielmehr artikulierten sich darin paranoide Komplexe. Die Kritik am Othering ende damit am Othering am Judenstaat, wie Biskamp konstatiert. Statt sich polemisch auf muslimische Homophobie einerseits oder rassistischen Homonationalismus andererseits zu fixieren, gelte es beide Probleme anzuerkennen und die Grenzen zwischen Kritik und Rassismus auszuhandeln. Hierzu zähle auch, eine Begrifflichkeit von Emanzipation zu entwickeln, anstatt sich pauschal mit allem Ausgestoßenen zu solidarisieren, wie Biskamp ausführt.

[Download: Ist djihadistisch das neue schwul?]

[Weitere Vorträge vom BAK Shalom]

Vortrag am 13. Juli in Berlin: Ist djihadistisch das neue schwul?

Erkenntnisse und Aporien der Queer Theory am Beispiel des Begriffes ‚Homonationalismus‘
Vortrag & Diskussion mit Floris Biskamp

Auch dieses Jahr wurden im Vorfeld des Berliner CSD wieder Diskussionen laut, ob sich der LGBT-Mainstream eines „Homonationalismus“ schuldig macht und sich insbesondere dem Islam und Muslimen gegenüber rassistisch verhält. Um einschätzen zu können, ob und inwieweit solche Vorwürfe zutreffen oder ob es sich um bloße Polemik handelt, ist es entscheidend, ihren theoretischen Hintergrund zu verstehen.

Diesen bilden insbesondere die Texte von Judith Butler und Jasbir Puar, deren Beitrag zur Queer Theory im Vortrag diskutiert werden soll. Den beiden Autorinnen nach haben Homosexuelle in Zeiten des „War on Terror“ als Feindbilder ausgedient; die Rolle des als krankhaft, pervers und unproduktiv ausgeschlossenen Anderen werde heute von Muslimen oder genauer von dschihadistischen Selbstmordattentäter_innen erfüllt. Puar und Butler zufolge machen sich westliche LGBT-Organisationen an dieser neuen Feindbildbestimmung mitschuldig und integrieren sich so „homonationalistisch“ in den „islamophoben“ Mainstream. Dies sei insbesondere der Fall, wenn der Krieg in Afghanistan oder die israelische Politik gegenüber den Palästinenser_innen mit Verweis auf LGBT-Rechte legitimiert, also „pinkgewaschen“ werde.

Floris Biskamp zeigt, wie die Vertreter_innen dieses Ansatzes zwar reale rassistische Tendenzen thematisieren, ihre Kritik letztlich aber ins Bodenlose geht und zur Parteinahme für reaktionäre politische Bewegungen führt. So bezichtigen Butler und Puar westliche LGBT-Organisationen, die Homophobie unter Muslimen kritisieren, pauschal des Rassismus, nehmen religiöse Fundamentalist_innen aber vor Kritik in Schutz.

Zur Person:
Floris Biskamp hat in Gießen und Boston Physik und Politikwissenschaft studiert. Aktuell verfolgt er ein Promotionsprojekt über Kritische Theorie, Postcolonial Studies und antiislamische Ressentiments in Deutschland. Er publiziert unter anderem in Jungle World und Phase 2.

Freitag, 13. Juli, 19 Uhr
Amadeu Antonio Stiftung, Linienstr. 139, 10115 Berlin

Die Veranstaltung wird organisiert vom Bundesarbeitskreis (BAK) Shalom der Linksjugend Solid.

Zum Weiterlesen: Homonationalismus & Pinkwashing?! Israelfeindschaft aus der Queer Theory (Flyer des BAK Shalom)

„Richtiges Motiv, falscher Ton“: Grass, die Mitte und der Staat

Vortrag und Diskussion mit Daniel Poensgen am 05. Juni in Berlin

Das antisemitische Ressentiment von Günther Grass ist in seiner Form ein Anachronismus. Die Mitte kann es verurteilen und findet doch spätestens beim Einreiseverbot gegen den deutschen Schriftsteller zum eigenen israelbezogenen Antisemitismus zurück: Dieser speist sich weniger aus Schuldabwehr, sondern ist der Versuch, Aspekte des Staates abzuspalten und auf Israel zu projizieren.

Kaum hatte Günther Grass seinen Text „Was gesagt werden muss“ in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, hagelte es Kritik von allen Seiten: Von Schirrmacher bis Joffe, von Tagesspiegel bis Spiegel Online. „Ein Machwerk des Ressentiments“ sei das Gedicht, die Frage, ob Grass ein Antisemit ist, leicht zu beantworten: „Ja, das ist er“. Zu deutlich rückt Grass seine „Herkunft als Makel“ in den Fokus des Textes, zu drastisch betreibt er eine antisemitische Täter-Opfer-Umkehr, um „letztlich auch uns zu helfen“. Dieser sekundäre Antisemitismus findet zwar noch seine Anhänger auch jenseits der NPD, die politische Mitte der Bundesrepublik hat ihn jedoch längst hinter sich gelassen, ließe er sich doch nicht mit dem Stolz auf die eigene „Erinnerungskultur“ verbinden.

Für die gegenwärtige politische Mitte ist Israel hingegen weniger kollektiver Jude, als vielmehr jüdischer Staat. Und so kann sie ihrem eigenen Antisemitismus auch in der Debatte um Grass freien Lauf lassen, als Israel „SS-Günni“ ein Einreiseverbot erteilt. Aus der jüdischen Heimstatt wird die „Heimstatt unversöhnlicher Aggressivität“, „eines demokratischen Staates unwürdig“. Israel sei „hysterisch“ und „unsouverän“, es rücke „sich in die Nähe Irans“. Mit der Kritik am sekundären Antisemitismus von Grass geht somit der israelbezogene Antisemitismus der Mitte Hand in Hand – „richtiges Motiv, falscher Ton“.

Im Anschluss an Arbeiten von Postone, Paschukanis und Neumann muss gegenwärtig von einem staatsbezogenen Antisemitismus gesprochen werden: Aus dem Staats- und Rechtsfetisch der politischen Mitte ergibt sich die Wahrnehmung von Teilen der den Staat bestimmenden Antinomie aus Recht und Souveränität als konkrete Eigenschaften des jüdischen Staates Israel. Kritik am israelbezogenen Antisemitismus schließt somit materialistische Staatskritik mit ein.

Die Veranstaltung wird organisiert vom Bundesarbeitskreis (BAK) Shalom der Linksjugend Solid.

Dienstag, 05. Juni 2012, 19.30 Uhr
Amadeu Antonio Stiftung, Linienstr. 139, 10115 Berlin